AGENCY FUTURENR. 07 / 2026
Agency Future

Die falsche Frage.

Die Branche debattiert, wie sie künftig Rechnungen schreibt. Darum geht es nicht. Eine Antwort auf die Widersprüche zum letzten Text.

David Rost23. April 20267 Min. Lesezeit
Die falsche Frage.
BEYOND THE BILLABLE HOUR

Die Agenturbranche diskutiert die falsche Frage.

Als ich vor ein paar Tagen geschrieben habe, dass Agenturen aufhören müssen Deliverables zu verkaufen und anfangen müssen Zugang zu verkaufen, war die Resonanz groß. Auch die Widersprüche. Das ist gut. Eine These, die nur nicken lässt, bewegt nichts.

Was mir aufgefallen ist: Viele haben sich sofort auf die einfachste, harmloseste Teilfrage gestürzt. Die Abrechnung.

Time and Material oder Value Based. Stunden oder Retainer. Daily Rate oder Performance-basiert. In Slack-Kanälen, auf LinkedIn, in Agentur-Leaderships. Eine ganze Branche debattiert, wie sie künftig Rechnungen schreibt. Darum geht es nicht.

Der falsche Kampfplatz

Wer über den Tod der Stundenverrechnung debattiert, diskutiert Symptom statt Ursache. Das Problem ist nicht, dass Agenturen ihre Leistung in Stunden abrechnen. Das Problem ist, dass viele Agenturen Leistungen anbieten, die eine Stunde menschliche Arbeit in absehbarer Zeit nicht mehr rechtfertigen.

Eine Pitch-Idee, für die ein Mid-Level sechs Tage hatte, produziert ein Modell heute in 15 Minuten in ähnlicher Qualität. Eine Kampagnen-Adaption über zwölf Märkte, früher eine Woche Production Time, läuft in zwei Stunden durch. Ein Trend-Deck, für das Strategy drei Tage brauchte, ist in einer Stunde fertig.

Wer über die Abrechnung dieser Stunden streitet, hat nicht verstanden, dass die Stunden selbst verschwinden.

Das eigentliche Thema

Der relevante Change ist inhaltlich, nicht kommerziell. Er betrifft nicht, wie Agenturen Geld verdienen, sondern wofür.

Die drei Dinge, die bleiben, habe ich letztes Mal benannt. Access. Judgment. Impact. Zugang zu Entscheidern, Communities, Kulturräumen. Urteilsvermögen in Situationen ohne Playbook. Wirkung durch kreative Intuition, die Jahre braucht und in Sekunden zündet.

Aber das ist die halbe Antwort. Es geht nicht nur darum, dass diese drei Dinge überleben. Es geht darum, dass sie die gesamte Leistung einer Agentur neu definieren. Nicht als Zusatz zum Deliverable, sondern als Produkt selbst.

Das ist der Shift, den die Stundendebatte übersieht. Eine Agentur, die Zugang verkauft, hat kein Stundenkonto. Sie hat ein Netzwerk. Eine Agentur, die Urteilsvermögen verkauft, hat keine Mid-Level-Armee. Sie hat ein kleines Team mit Entscheidungsgewalt. Eine Agentur, die Wirkung verkauft, hat keinen Production-Hub. Sie hat Kreative mit Stand in der Kultur.

Das ist ein komplett anderes Unternehmen. Andere Kostenstruktur. Andere Einstellungskriterien. Andere Räume, andere Prozesse, andere Entscheidungszyklen. Das hat mit Stundenverrechnung überhaupt nichts zu tun.

Warum die Debatte so bleibt, wie sie ist

Ich verstehe, warum so viele in der Branche auf das Kommerzielle reagieren. Es ist das Vertrauteste. Wer 25 Jahre lang Teams nach Auslastung gemessen hat, dessen P&L auf Billable Hours steht, dessen Kunden eine Stunde lang diskutieren, ob der Projektmanager 140 oder 160 Euro kostet, der löst reflexartig das Problem, das er kennt.

Aber das ist die Falle. Wer das Preismodell neu macht, ohne das Inhaltsmodell neu zu machen, hat in zwei Jahren immer noch eine Agentur, die AI vor sich her treibt. Nur mit komplizierterer Rechnung.

Die ehrliche Frage ist nicht, wie man 80% Execution besser bepreist. Die ehrliche Frage ist, wie man die 80% Execution loswird und die Organisation so umbaut, dass die restlichen 20% das Geschäft tragen.

Das ist keine kommerzielle Aufgabe. Das ist eine Identitätsaufgabe.

Was das konkret bedeutet

Wer inhaltlich umbauen will, muss ein paar Entscheidungen treffen, die wehtun.

Was offerst du eigentlich? Nicht in deinem Deck. In deiner Rechnung. Die Position, die dein Kunde kauft, ist die Position, die du wirklich bist. Wenn da Konzept, Design, Produktion und Entwicklung stehen, verkaufst du Deliverables. Wenn da Access, Advisory und Orchestration stehen, verkaufst du, was übrig bleibt.

Wen stellst du noch ein? Die Pyramide aus Trainee, Junior, Mid, Senior, Director, ECD war ein Modell für eine Industrie, die Execution verkauft. Sie ist ein Effizienzproblem für eine Industrie, die Urteil verkauft. Wenige Leute mit Gewicht schlagen viele Leute mit Zeit. Immer.

Wie arbeitest du mit AI? Nicht als Tool. Als Infrastruktur. Die Execution muss stumm, schnell und billig laufen, damit die 20% überhaupt Platz haben. Wer AI halbherzig nutzt, hat weder die Effizienz noch die Qualität.

Mit wem machst du Geschäft? Kunden, die Stunden kaufen, suchen einen Dienstleister. Die Agentur, die Zugang verkauft, braucht Kunden, die Partnerschaft kaufen. Das verschiebt die Auswahl. Nach oben, nicht nach unten.

Der eigentliche Kampf

Das ist der Umbau, an dem sich entscheidet, wer die nächsten zehn Jahre gestaltet. Nicht das Preismodell. Das Preismodell folgt dem Inhalt, nie umgekehrt. Wer zuerst neu denkt, wofür er bezahlt wird, findet die passende Abrechnung danach. Wer zuerst neu rechnet, ohne neu zu denken, hat dieselbe alte Agentur mit einem neuen Excel.

Agenturen müssen anfangen, Zugang zu verkaufen. Ja. Aber der erste Schritt ist nicht die Rechnung. Der erste Schritt ist, ehrlich hinzuschauen, was überhaupt noch drauf stehen sollte.